58GradNord - Herbstpaddeln in Sörmland
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Paddelwochenende im herbstlichen Sörmland – Schwedentipp #4

Viele Besucher Schwedens zieht es in die wunderschöne Schärenwelt entlang der schwedischen Küste. Das nahegelegene Inland wird dabei oft verschmäht und vielleicht gerade mal als Transportstrecke wahrgenommen – wenn überhaupt. Völlig zu Unrecht wie wir meinen. Man muss sich oft nur ein paar Kilometer landeinwärts oder von den großen Nord-Süd Verbindung wegbewegen, um wunderschöne und relativ unberührte Natur zu erleben – off the Swedish beaten track sozusagen.

H fährt seit einigen Jahren immer im Spätsommer oder zum Herbstanfang ein Wochenende zusammen mit D aus Stockholm zum Paddeln weg. Je nach Laune und Wetterlage wird entweder in der Ostsee oder im Inland gepaddelt. Dieses Jahr fiel die Wahl mal wieder auf die Gegend um Katrineholm, wo sie bereits vor einigen Jahren unter anderem durch den Tisnare Kanal gepaddelt sind.

Die Gegend um Vingåker, Katrinholm und Flen ist ein ausgezeichnetes Paddelgebiet. Hier gibt es die Möglichkeit, kürzere sowohl längere Touren durchzuführen, alles von Tagesausflügen bist zu mehrtägigen Touren. Ist man wie wir spät in der Saison unterwegs, hat man die Gewässer meist für sich alleine, abgesehen von einzelnen Anglern oder Schweden, die ihr Wochenendhaus winterfest machen.

Für dieses Jahr hatten wir uns vorgenommen, u a den Natån zu paddeln, da wir über diesen kleinen Fluss gelesen hatten, dass man sich wie in einem kleinen Seitenarm des Amazonas vorkommen würde. Wir können das vielleicht nicht ganz so unterstreichen, aber schön war es trotzdem.

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Bequemes Einsteigen am Badeplatz in Stjärnhov.

Als Startpunkt hatten wir uns den Badeplatz der kleinen Gemeinde Stjärnhov ausgesucht, die direkt am See Naten liegt. Hier kann man zu dieser Jahreszeit ungestört und bequem mit den Booten am lokalen Badeplatz ins Wasser kommen. An diesem Septemberwochende war es verhältnismäßig warm, der Himmel war wolkenbehangen, und als wir durch das fast spiegelglatte Wasser auf den See hinausglitten fing es leicht an zu regnen. Man konnte auf dem Wasser genau erkennen, wo der kleine Regenschauer zu Ende war, und nach ein paar Paddelschlägen hatten wir auch schon die trockene Zone erreicht und blieben für den Rest des Tages vom Regen verschont. Wir folgten dem See in südöstlicher Richtung und trafen dann am südlichen Ende auf den kleinen Natå, dessen Ausfluss aus dem See aus der Ferne vor lauter Schilf nicht einfach auszumachen war. Wir paddelten ein wenig hin und her und konnten dann  schließlich doch den Eingang zum Natå finden.

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Im Natån…

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Amazonas?

Der Natå ist eigentlich kein Fluss, eher ein kleiner Bach, ein Rinnsal, das den See Naten mit dem großen See Båven bzw Inbåven verbindet. Beim Paddeln durch den Natå kann man schon ein wenig an den Amazonas erinnert werden, auch wenn die Temperaturen im September in Schweden nicht ganz denen von Südamerika entsprechen…  Die Ufer links und rechts sind dicht bewachsen, das Wasser riecht ein wenig modrig, immer wieder hängen Äste und ganze Bäume ins Wasser und man muss selbst mit dem Kajak, das fast ohne jeglichen Tiefgang durchs Wasser gleitet, aufpassen, dass man nicht zwischen den Ästen und Baumstämmen im Wasser hängenbleibt. Wir schreckten ein Reh auf, das am Ufer nach Nahrung suchte und auch so mancher Vogel suchte schnell das Weite als wir angepaddelt kamen. Wirklich faszinierend waren die Tausenden von Wasserläufern, die links und rechts vom Boot aufgescheucht über die Wasseroberfläche wegrannten, ein bisschen  wie eine Herde Gnus und Zebras auf der afrikanischen Steppe,  die vom herannahenden Auto auseinander getrieben werden.

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Als wir auf der andern Seite im Båven ankamen hatte der Wind aufgefrischt. Mit dem Wind im Rücken kamen wir schnell vorwärts und paddelten weiter in den Inbåven, unter einer niedrigen Autobrücke hindurch, die nach Hyltingeö führte und nur an der östlichen Seite passiert werden konnte. Nach dem sogenannten Bocksfjärden suchten wir einen Rastplatz und fanden ihn auf einen kleinen Insel, der Rösundsholmen. Viele dieser kleinen Inseln sind Vogelschutzgebiet und dürfen von April bis Juli nicht betreten werden. Jetzt im Spätsommer und Herbst ist das jedoch alles kein Problem mehr, und man kann so ziemlich jede Insel ansteuern. Dort machten wir uns es bequem und genossen die Wärme und Ruhe. Hatten wir am Abend davor noch große Pläne, wie weit wir eventuell kommen könnten, entschlossen wir uns kurzfristig den Tag einfach zu genießen und uns keinem Stress auszusetzen. So lagen wir auf dem weichen Waldboden und genossen die Aussicht und waren kurz davor einzunicken…

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Noch weiter paddeln…?

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Oder einfach die Ruhe genießen…?

Der Rückweg war dann um so mühsamer mit Gegenwind, und wir durften uns nochmal so richtig anstrengen bevor wir dann vor der südlichen Einfahrt in den Natån nochmal Rast machten – hatten wir schon gesagt, dass wir es sehr gemütlich angegangen sind… 🙂 ?

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Boote präparieren in Forssjö bruk.

Tag 2 unserer Wochenendepaddeltur führte uns von Forssjö bruk in die Nähe von Broby am See Yngvaren. Anfangs ging es von einem kleinen Fluss in ein paar kleinere Seen und am Ende wieder durch einen kleinen Fluß, den Åkforsån, zu unserem Zielpunkt in der Nähe von Broby. Um diese One-Way-Tour machen zu können, mussten wir erst das eine Auto am Zielpunkt parken und dann die Kajaks zum Ausgangspunkt bringen. Offizielle Parkgelegenheiten gab es natürlich nicht, aber zum Glück findet man in Schweden in der Regel immer irgendwo ein Plätzchen, wo man das Auto am Straßenrand oder in einer Waldeinfahrt oder so ungestört stehen lassen kann, vor allem im September, wenn nicht mehr so viele Leute unterwegs sind.

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Der Einstieg bei  Forssjö bruk, einer alten Mühle war nicht schwer, obwohl das Wasser von der kleinen Schleuse oberhalb des Einstiegs recht kräftig herunterrauschte. Die ca vierstündige Fahrt durch die kleinen Flüsse waren echt ein Traum. Anfangs sahen wir noch ein paar Angler am Ufer sitzen, dann waren wir komplett alleine, wenn man von ein paar Fischreihern und anderen Vögeln absieht. Den Großteil der Tour paddelten wir entlang einer relativ engen Wasserstraße, links und rechts an den Ufern unberührter, uriger Wald, und nur am Kårtorpssjö und Eriksbergssjö musste man größere Wasserflächen überqueren. Dort hatten wir allerdings mit einem ordentlichen Gegenwind zu kämpfen und waren froh, uns dieses Jahr gegen die Schären entschieden zu haben. Am Ende des Eriksbergssjö liegt das für schwedische Verhältnisse recht pampige Eriksbergsschloss. Dort kann man unter anderem den Schlosspark besichtigen, in dem es einen Irrgarten gibt, der eine exakte Kopie des berühmten Labyrinths von Hampton Courts sein soll. Dafür hatten wir aber keine Zeit, und nutzten die kurze Umtragestelle lieber für eine kleine Schokoladenpause in der Sonne…. wie gesagt, wir wollten es ja langsam angehen lassen.

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Eriksbergsslott

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Praktisch mit einem zusammenklappbaren Kanuwagen.

Der letzte Teil war dann einfach nur noch Genusspaddeln… entlang an meterhohem Schilf, wo immer mal wieder ein kleines Styroporstückchen im Wasser lag, an denen eine Angelleine nach unten ging – eine typische Anordnung für Krebsreusen (fängt man eigentlich eher im August). Auch hier ging es immer wieder durch dicht bewachsenen Wald, in dem wohl schon sehr viele Jahre niemand mehr Forstwirtschaft betrieben hatte. Bäume lagen kreuz und quer im Wasser, so dass man sich teilweise wirklich wie im Urwald vorkam. Plötzlich wurde uns der Weg durch eine sehr alte Brücke versperrt, die an den Seiten keinen Kontakt mit dem Land hatte, wenn mal man von eingewachsenen Bäumen und Sträuchern absieht. Zuerst dachten wir, es geben kein Weiterkommen und wir müssten die Kajaks irgendwie an der Brücke vorbeifahren, aber dann entdeckten wir einen kleinen Durchgang auf einer Seite der Brücke.

Gegen Nachmittag kamen wir dann auch schließlich an unserem Ziel an. Vom Wasser aus konnten wir schon unseren Wagen sehen, den wir etwas abseits der Hauptstraße, ganz in der Nähe des Flusses geparkt hatten. Der Ausstieg war dann noch ein wenig mühsam, mussten wir die Kajaks und das Gepäck eine Wiese hinauf zur Straße tragen und dort auf dem Auto verstauen bevor wir dann wieder zum Ausgangspunkt bei Forssjö bruk zurückfuhren, um den anderen Wagen zu holen.

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Am Etappenziel.

Fazit der zwei Tage paddeln war, dass es sich mal wieder gelohnt hatte, in das unbekanntere Inland vorzudringen. Auch wenn es nächstes Jahr wahrscheinlich wieder in die Schären gehen wird, waren wir sicher nicht das letzte mal hier. Auch für Nichtpaddler lohnt sich ein Ausflug in diese Gegend, vor allem wenn man sowieso auf der Nord-Süd-Strecke unterwegs ist. Und sollte man spontan Lust bekommen, ein wenig hier zu paddeln gibt es einige kommerzielle Kanuverleihe in der Gegend wie z.B. das Kanucenter in Skebokvarn, das vom ehemaligen Kajakweltmeister Mikael Berger und seiner Frau Carina betrieben wird. Dort gibt es auch ein Vandrarhem, eine Art Jugendherberge bzw einfacheres Hotel, und es werden Kanus hergestellt und verkauft. Direkt am See Båven gelegen, ist dies ein geeigneter Ausgangspunkt für sowohl Tagestouren als auch lange Mehrtagestour im Kanu. Auch bei Sörmlands Cykel & Kajak kann man sich Kajaks leihen (oder kaufen). Man findet diesen Kajakverleih in Stjärnhov, von wo aus wir am ersten Tag gestartet waren.

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Off the beaten track!

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Rocklösa Gård.

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Für denjenigen, der lieber Tagestouren machen möchte, anstatt entlang der Wasserwege zelten, gibt es einige Übernachtungsmöglichkeiten in der Umgebung, alles von einfach bis luxuriös. Zu der jetzigen Jahreszeit waren die Angebote dann doch schon etwas geringer, wir fanden aber nach einer kleinen Internetrecherche eine sehr nette Unterkunft auf dem Land nördlich von Stjärnhov. Für zwei Nächte quartierten wir uns auf dem Hof von Lena und Anders Gawell in Rocklösa ein, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Für unsere Bedürfnisse gerade richtig mieteten wir die Lillstugan („kleine Hütte“), in der eigentlich Platz für vier Personen war. Extrem gut ausgestattet fehlte es an nichts. Wir waren ja vor allem zum Paddeln dorthin gefahren, aber man hätte sich hier auch die Zeit auf andere Weise vertreiben können, z.B. mit Angeln am hofeigenen See oder einer von Lena durchgeführten Pilzsafari. Auch werden deutschsprachige kulinarische Wanderungen angeboten. Wir genossen doch vor allem die Abgeschiedenheit und die tollen sternenklaren Nächte, in denen man die ganze Pracht des Universums bestaunen konnte.

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Lillstugan bei Nacht.

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