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Mit Kindern auf Natureis – Schlittschuhfahren auf schwedische Art

Unsere ersten Jahre hier oben im Norden waren recht schneearm. Das war ganz schön enttäuschend, vor allem nachdem ich 1995/96 einen Jahrhundertwinter hier oben erlebt und somit einiges erwartet hatte. Aber auch wenn der Schnee ausbleibt, kann man sich in der Regel zumindest darauf verlassen, dass es spätestens im Januar bitterkalt wird mit Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt. Einige solcher richtig kalten Tage und vor allem Nächte reichen aus, damit zumindest ein Teil der Binnengewässer in unserer Nähe zufrieren. Hält die Kälte richtig lange an, sind manchmal selbst die Küstengewässer mit Natureis bedeckt.

Viele unserer Kollegen, Bekannten und Freunde erzählten uns anfangs vom „Schlittschuhwandern“ auf den zugefrorenen Seen hier in der Umgebung, dem Fahren mit sogenannten långfärdsskridskor. Wir hatten bis dahin noch nie davon gehört, waren aber recht schnell begeistert. Långfärdsskridskor sind spezielle Schlittschuhe, die eigentlich mehr kleinen Ski auf Kufen ähneln. Sie fahren sich anders als gewöhnliche Schlittschuhe, und es ist viel leichter, auf ihnen längere Strecken zurückzulegen. Und das ist eigentlich auch die ganze Idee beim Långfärdskridskofahren, dass man nicht nur wie auf einer Eisbahn seine Kreise zieht, sondern sich in der freien Natur bewegt und unter Umständen richtig lange Strecken zurücklegen kann. Die långfärdsskridskor sind schnell ab- und wieder angeschnallt, so dass man sich auch ohne Probleme zwischen den Gewässern auf Land vorwärts bewegen kann. 

Långfärdskridskor mit Schnellverschluss

Långfärdskridskor mit Schnellverschluss

Sicherheit, Sicherheit und nochmals Sicherheit…

Nachdem wir uns eigene långfärdskridor gekauft hatten (schwedische, im Ausverkauf in Deutschland – die waren dort wohl recht schwer zu verkaufen!!), waren wir bei entsprechenden Bedingungen oft auf dem Eis hier in der Nähe unterwegs. Entweder man erfährt von anderen, wo es gute befahrbares Eis gibt oder man ist – wie wir – Mitglied eines großen Långfärdsskridskovereins, der dann regelmäßig einen Eisrapport herausgibt, so dass man ganz gut Bescheid weiß. Nach einigen Jahren hat man dann natürlich auch bestimmte Gewässer im Auge und weiß, wann die ungefähr befahrbar sind.

Fahren auf Natureis ist nicht mit dem Fahren auf Kunsteis oder gar in einer Eishalle zu vergleichen, weder was den Erlebnisfaktor betrifft, noch das Risiko bzw. die Notwendigkeit von Sicherheitsvorkehrungen. Es passiert hier leider regelmäßig, dass Personen beim Schlittschuhlaufen auf Natureis verunglücken, teilweise auch tödlich oder einfach vermisst werden. Natureis kann tückisch sein, und man muss entweder die lokalen Gegebenheiten sehr gut kennen oder einiges an Erfahrung mitbringen, um den Zustand des Eises beurteilen zu können.

Früh übt sich, was ein Natureis-Experte werden will!

Früh übt sich, wer ein Natureisxperte werden will!

Das Eis hält... zumindest an dieser Stelle!

Das Eis hält… zumindest an dieser Stelle!

Es ist auch extrem wichtig, dass man sich nie alleine aufs Eis begibt und dass man entsprechende Sicherheitsausrüstung besitzt. Für die sichere Fahrt auf dem Eis empfiehlt sich die folgende Ausrüstung:

  • Rucksack: mit angemessenem Volumen (für Erwachsene 35-45 Liter) mit Brust- und Bauchgurt, da einem der Rucksack dabei helfen soll, sich im Notfall über Wasser zu halten
  • Komplette Wechselwäsche: wasserdicht verpackte Wäsche zum Wechseln im Rucksack, falls man ins Wasser gefallen ist. Dazu gehören auch zwei Plastiktüten, die man um die Füße macht, wenn man wieder in die nassen Schuhe steigen muss!
  • Sogenannte ‚isdubbar‘ (‚Eisdorn‘): eine Art Nagel mit Griff, mit deren Hilfe man sich wieder aufs Eis heraufziehen kann.
  • Seil: ein spezielles Seil, das man einer Person, die im Eis eingebrochen ist und im Wasser liegt, zuwerfen kann, um sie daran rauszuziehen. Evtl. natürlich auch umgekehrt, aber ein Seil zu werfen, wenn man gleichzeitig im Wasser liegt, ist sicher nicht die einfachste Übung… Das Seil liegt in einer speziellen Tasche, die man werfen kann und sollte natürlich griffbereit am/auf dem Rucksack platziert sein.
  • Eissonde, Stäbe/Stöcke (‚ispik‘): gut zur Balance beim Fahren, vor allem wenn man schnell fahren will, aber vor allem auch Werkzeug, um die Dicke des Eises zu prüfen.
  • Gerne Helm und Trillerpfeife; wenn man mit dem Kopf auf das harte Eis aufknallt, kann das ganz schön „ins Auge gehen“. Und sollte man irgendwo festsitzen oder aus anderen Gründe Hilfe brauchen, ist eine Trillerpfeife Gold wert!
Schwimmwesten sind für Kinder klar zu empfehlen.

Schwimmwesten sind für Kinder klar zu empfehlen. Und ‚isdubbar‘ um den Hals sind auch ein Muss.

Eisflächen beurteilen zu können, bedarf natürlich etwas Erfahrung, und hat man sie nicht, sollte man definitiv nicht allein aufs Eis gehen. Wir haben unsere ersten Touren auch nicht alleine gemacht, sondern waren anfangs immer mit Freunden und Kollegen unterwegs, die sich auskannten. Mit den Kindern haben wir uns dann die ersten Jahren nicht wirklich aufs Natureis getraut, und wenn nur auf wirklich sichere Natureisflächen. Kleinen Kindern sollte man dann auch immer noch eine Schwimmweste oder -hilfe anziehen, für alle Fälle… Das Problem ist, dass das Eis an einer Stelle gut einen halben Meter dick und nur ein paar Meter weiter sehr, sehr dünn sein kann. Ab ca 5 cm Dicke ist Natureis in der Regel befahrbar, es darf aber gern noch ein, zwei Zentimeter mehr haben. Bei der Beurteilung der Eisqualität spielen viele Faktoren eine Rolle. Handelt es sich um eine einheitliche Eisfläche oder wechseln sich helle und dunkle Partien ab. Wie klingt das Eis, wenn man mit seinen Schlittschuhen darauf stampft, hohes oder tiefes Geräusch? Gibt es irgendwelche offene Stellen oder Stellen, an denen sich die Eisschichten gegeneinander aufgeworfen haben? Gibt es Wasserläufe, die das Eis eventuell schwächer machen oder wärmere Stellen unter Brücken z.B. und vieles mehr. Die Beurteilung von Natureis ist eine Herausforderung, macht aber auch sehr viel Spaß.

Hier kommt man sonst nur mit dem Boot hin.

Hier kommt man sonst nur mit dem Boot hin.

"Eisverwerfungen" - darunter ist das Eis aber noch dick genug.

„Eisverwerfungen“ – darunter ist das Eis aber noch dick genug.

Auf Natureis mit Kindern unterwegs

Die letzten Wochen waren hier oben sehr kalt, mit Temperaturen bis zu -20 Grad, so dass einige Seen nach den letzten Schneefällen gefroren waren. Im Moment gibt es sogar Natureis in den Schären, aber das war uns dann für einen Tagesausflug zu weit entfernt.

Und da wir im Moment nicht mehr so viel Schnee haben, sind wir von den Skiern auf die Schlittschuhe umgestiegen. Letztes Wochenende ging es dann bei strahlend blauem Himmel und 8 bis 10 Minusgraden mit unseren Kindern zum ersten mal auf eine richtige Schlittschuhwanderung. Nachdem wir das Eis für gut befunden hatten, machten wir uns auf den Weg, die Kinder immer zwischen uns Erwachsenen. Die Oberfläche veränderte sich relativ oft, weshalb wir anfangs einige Stopps einlegen mussten, um das Eis wieder und wieder zu untersuchen. Unser Sohn hatte seinen eigenen Rucksack dabei, und der jüngeren Schwester hatten wir extra noch eine Schwimmweste angelegt. Natürlich waren die Kinder auch mit isdubbar ausgestattet, auch wenn sie vermutlich einige Schwierigkeiten hätten, sich alleine wieder aufs Eis raufzuziehen. Wir wagen uns deswegen mit ihnen auch nur auf Eisflächen, von denen wir 110%-ig überzeugt waren, dass sie auch halten. Ein Restrisiko (also das jenseits den 110%….) bleibt natürlich immer, aber dafür bekommt man auch ein einzigartiges Naturerlebnis geboten.

Wir hatten den großen See fast für uns alleine und begegneten nur wenigen anderen Schlittschuhläufern, und nur einer weiteren Familie. Man hält dann natürlich immer kurz an und fragt nach, wie das Eis aussieht und ob es irgendwelche gefährliche Stellen gibt, die andere vielleicht kennen, und die man selbst gerne vermeiden möchte. Natürlich gehört auch das obligatorische fika dazu, und das durften wir auf einer kleinen Insel in der Sonne genießen.

Fika!

Fika!

Auch eine Art, das Eis zu "prüfen"!

Auch eine Art, das Eis zu „prüfen“!

Ein perfekter Tag!

Ein perfekter Tag!

Kerneis!

Auch heute waren wir wieder unterwegs. Die Temperaturen sind in den letzten Tagen erheblich milder geworden und erreichten heute Morgen sogar den Gefrierpunkt, und leider soll es wohl in den nächsten Tagen auch eher sehr warm bleiben mit Plusgraden selbst in der Nacht… Im hiesigen Eisrapport hatten wir von einem See ungefähr eine knappe Autostunde von uns entfernt gelesen, auf dem es klares Eis (sogenanntes Kerneis) ohne Schnee und Lufteinschlüsse geben sollte. Also machten wir uns nach dem Frühstück schnell auf den Weg und wurden nicht enttäuscht. Kerneis ist der absolute Traum für jeden Natureisfahrer… und es war toll, zusammen mit den Kindern so über das Eis brausen zu können. In Ufernähe und an seichteren Stellen auf dem See konnte man bis auf den Grund schauen, was die Kinder anfangs eher etwas unheimlich fanden… vor allem unsere Tochter musste an solchen Stellen des öfteren ihre Mutter an die Hand nehmen.

4aufeinenstreich auf dem Kerneis!

4aufeinenstreich auf dem Kerneis!

Glasklar!

Glasklar!

Kerneis...

Kerneis…

Die zwei bis drei Plusgrade führten dazu, dass sich mit der Zeit eine immer größere Wasserschicht auf der Eisoberfläche bildete. Das führte zum einen zu etwas (bis sehr) nassen Füßen, da unsere Schuhe dann doch nicht mehr so ganz wasserdicht sind und zum anderen zum einem Gefühl, des Schwebens über Eis. Fast so, als wenn man auf dem Wasser fahren würde – einfach fantastisch!

Wasserschicht auf dem Eis

Wasserschicht auf dem Eis

Von dem tollen Eis hatten natürlich nicht nur wir gehört, so dass wir heute doch so einige Leute unterwegs trafen. Auch der lokale Klubb war mit einigen Gruppen unterwegs. Der Großteil der Schlittschuhfahrer sind doch Erwachsene, Kinder sieht man leider viel zu selten. Das Eis wird natürlich nicht nur von Schlittschuhfantasten genutzt. Immer wieder sieht man auch Angler, die dem Eisfischen nachgehen. Heute trafen wir einen Angler, der mit einem ganz besonderen Gefährt unterwegs war, einem sogenannte spark(stötting), den er dann in Eigenarbeit motorisiert hatte und so über das Eis flitzen konnte – eine Wahnsinnskonstruktion! Anhand seiner Bohrlöcher konnten wir dann auch sehen, dass unsere Schätzung für die Eisdicke gar nicht so sehr daneben gelegen hatte. Ca 12-15 cm an den dicksten Stellen, da kann man schon beruhigt fahren. Leider hatte er wohl kein Glück heute, denn als wir ihn trafen, hatte noch kein Fisch angebissen.

Hmmm, Angeln oder Schlittschuhfahren - für Sohnemann nicht immer eine einfache Wahl...

Hmmm, Angeln oder Schlittschuhfahren – für Sohnemann nicht immer eine einfache Wahl…

Ein motorisierter Tretschlitten!

Ein motorisierter Tretschlitten!

Eisangeln

Eisangeln

Nach drei Stunden auf dem Eis waren alle ziemlich müde, aber um eine weitere tolle Erfahrung und Erlebnisse reicher! Auf dem Rückweg muss dann auch schon mal ein wenig nachgeholfen werden, dass auch die Kleinste wieder zurück ans Ufer kommt, vor allem bei Gegenwind. Nur gut, dass die meine Frau meist immer noch eine Kraftreserve besitzt…

Das Rettungsseil kommt zum Einsatz!

Das Rettungsseil kommt zum Einsatz!

Wir hoffen natürlich, dass die richtige Kälte bald wieder zurückkehrt, dass uns das wunderbare Natureis noch eine Weile erhalten bleibt.

 

 

 

10 Kommentare

  1. Vom Schlittschuhwandern habe ich noch nie gehört. Das wäre genau das Richtige für uns! Hört sich nach einem tollen Abenteuer und viel Spaß an. Und die Bilder machen Lust auf mehr.
    Wir müssen unbedingt über eine Winterreise nach Schweden nachdenken. Wird sowieso Zeit, Schweden kennen wir bisher nur vom Durchfahren (auf dem Weg nach Finnland).
    Liebe Grüße
    Frauke

  2. Wow, Hartmut, was für ein toller Beitrag. Und für jemanden wie mich, der gerade mal eine Schlittschuhbahn kennt und noch nichtmal auf einem zugefrorenen See unterwegs war, ein richtig fremdartiges Erlebnis, das du schilderst. Total interessant. Ich war ja noch nie in Schweden . Das muss sich also jetzt mal definitiv ändern! LG Stefanie

  3. Das ist ja der Wahnsinn… Was für wunderschöne Bilder! Laufen auf Wasser, ich bin soooo neidisch auf euch!!

    Mit einem erwachsenen Eislaufverweigerer dürfte unsere Familie leider nicht weit kommen 🙁 Bitte immer weiter solche tollen Sachen bloggen, dann überzeuge ich den Muffel vielleicht irgendwann 😉

    LG
    Jenny

    • Vielen Dank, Jenny! Ja, das macht unglaublichen Spaß, vor allem wenn man so ein tolles Eis hat, wie wir am letzten Wochenende!!
      Als wir nach Schweden kamen, hatte ich erst zweimal in meinem Leben je auf Schlittschuhen gestanden und konnte also im Prinzip überhaupt nicht fahren…, habe dann erstmal auf gefrorenen Weideflächen geübt, so dass wir keine Angst haben mussten, ins Wasser zu fallen… Mit den Jahren habe ich das Schlittschuhfahren lieben gelernt, es gibt also immer noch Hoffnung. selbst für erwachsene Eislaufverweigerer!!! Kommt einfach mal zur richtigen Jahreszeit vorbei!
      LG
      Hartmut

  4. Wow! Tolle Bilder! Und jetzt habe ich auch gelernt, dass das allerschönste durchsichtige Eis Kerneis heißt. Das haben wir im Dezember im Isartal gesehen (und getestet). Ist einfach toll!
    Lieben Gruß
    Gela

    • Vielen Dank, Gela! Ja, ist es nicht toll? Man muss sicher nicht nach Schweden fahren, um toll Schlittschuhfahren zu können (auch wenn es hier natürlich ganz besonders gutes Natureis gibt 🙂 !!). Hoffe, eure Saison ist auch noch nicht zu Ende.
      LG aus Schweden

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