58 Grad Nord - Die bunten Pferde von Dalarna
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Die bunten Pferde von Dalarna

10 Wochen Sommerferien – die müssen erstmal organisiert werden. Zum Glück haben wir Eltern auch relativ viel frei im Sommer, so dass das dann mit Hilfe der Großeltern und einigen organisierten Aktivitäten am Ende immer wieder zu schaffen ist.

Die erste richtige Ferienwoche der Kinder Mitte Juni nutzten wir für einen Vater-Kinder-Trip ins nördliche Dalarna. Unsere Kinder kannten diesen Teil Schwedens eigentlich nur im Winter von unseren zahlreichen Skiurlauben in Sälen und Umgebung. Dabei gibt es dort so viel schönes und interesantes zu sehen und erleben – auch ohne Schnee.

Und auch wenn wir uns mit irgendwelchen ”must-see-Sehenswürdigkeiten” im allgemeinen eher schwer tun, so kann man doch kaum nach Dalarna und vor allem in die Gegend um den wunderschönen Siljasee fahren, ohne bei den Brüdern Olsson & Co. vorbeigeschaut zu haben. Überzeugt davon, dass ein Besuch bei den berühmten Dalapferden sicherlich bei den Kindern ankommen würde, fuhren wir nach einer Nacht auf dem Campingplatz in Rättvik nach Nusnäs, wo gleich zwei der berühmten Produktionsstätten für Dalapferde zu besichtigen sind. 

Das rote Pferd aus Dalarna

Bereits im 17. Jahrhundert wurden offensichtlich in Dalarna Holzpferde hergestellt, meist als „Abfallprodukt“ der Möbelproduktion oder als Spielzeug. Anfang der 20er Jahre gründete Grannas Anders Olsson ein kleines Unternehmen, in dem er Dalapferde herstellte. Seine beiden Brüder Nils und Jannes machten es ihm sechs Jahre später nach und starteten ihr eigene Produktion von Dalapferden. Auch heute liegen diese beiden Betriebe noch Tür an Tür und können besichtigt werden.
Zumindest in der Nebensaison geht es hier recht ruhig zu, obwohl die dalahästar, wie sie hier in Schweden heißen, natürlich eines der Touristenhighlights in dieser Region sind. Aber in Schweden ticken eben die Uhren zum Glück noch immer ein wenig anders. Je weiter nach Norden man kommt, umso ruhiger wird es.

58GradNord - Dalarna Nusnäs

Hier werden die Dalarna-Pferde hergestellt und verkauft

Wir schauten uns die unterschiedlichen Schritte des Produktionsprozesses in Ruhe an, was im dortigen Schaubetrieb für jedermann möglich ist. Vom groben Holzstück, über das Aussegen des Pferdes in unterschiedlichen Größen zum Schnitzen der typischen Proportionen. Letzteres geschieht in der Regel in Heimarbeit. Bei Grannas Anders Olsson sind 50 Schnitzer angestellet erklärte man uns, die alle natürlich unterschiedlich schnell und sauber arbeiten. Und da das so ist, muss danach eben oft gespachtelt werden. Bei diesem Arbeitsschritt wurde uns von einer Angestellten ganz genau erklärt wieso und warum und wieviel man Spachteln musste… außerdem gab sie auch noch gleich ein paar Anekdoten zum Besten, unter anderem wie denn Bill Clinton zu seinem dalahäst gekommen war! Ob es an der guten Laune der Leute hier lag, an der ruhigen Nebensaison, daran dass sie sich mit uns auf Schwedisch unterhalten konnten oder einfach daran, dass die Menschen in Dalarna allgemein sehr freundlich sind, es wurde uns jedenfalls sehr viel erklärt und unsere Fragen alle beantwortet.

58GradNord - Dalarhästar - Aussägen

58GradNord - Dalarhästar - Kinder

Hier erfahren wir alles über die ‚dalahästar‘

58GradNord - Dalarhästar - Pferde spachteln

Es wird gespachtelt

Nach dem Grundieren und dem Spachteln ging es weiter mit dem dem Lackieren. Heute sind ja inzwischen nicht mehr alle Pferde rot. Inzwischen gibt es sie in allen möglichen Farben. Natürlich nimmt man in Dalarna auch immer wieder Spezialbestellungen entgegen, sowie die eines großen schwedischen Möbelhauses 😉 , für die offensichtlich gerade eine größere Partie gefertigt wurde als wir vor Ort waren.

58GradNord - Dalarhästar - Lackiererei

Einblick in die Lackierei

58GradNord - Dalarhästar - Lackiererei blaue Pferde

Der Lackierer bläst eventuelle Farbblasen weg

58 Grad Nord - Dalarhästar - blaue Pferde Dalarna

Der letzte Schritt, bei dem die Pferde ihre typische Bemalung bekommen, war der faszinierendste. Hier saßen wir unglaublich lange bei einer Frau, die täglich Pferde bemalt. Jeder Pinselstrich muss sitzen, ausbessern ist extrem schwer. Fasziniert beobachteten wir, wie aus einem einfarbigen dalahäst eines mit einem wunderschönen Muster wurde. Dachten wir früher immer, dass die Muster relativ gleich waren (so genau haben wir unsere Dalapferde zuhause noch nie angeschaut…), so gibt es schon einige kleine Unterschiede, d.h. die Malerinnen haben doch eine gewisse künstlerische Freiheit, die aber natürlich schon auch begrenzt ist. Tradition ist schon wichtig hier oben in Dalarna. Hier scheint das soziale Leben überhaupt noch traditioneller als weiter südlich in Schweden zu verlaufen. Hier sind es deshalb auch die Männer, die schnitzen und die Frauen, die malen! Bei Grannas A. Olsson waren es offenbar 50 Schnitzer und 10 Malerinnen, die im Jahr 100 000 Pferde produzieren… eine für uns unfassbar hohe Zahl an Pferden. Aber offensichtlich boomt der Handel mit Dalapferden – weltweit!

58 Grad Nord - Dalarhästar - Detaljs malen

Hier werden die Detaljs gemalt.

58 Grad Nord - Dalarhästar - Bunter Pferde aus Dalarna

Fertig!!!

Wie lange wir uns das Bemalen des Pferdes angeschaut haben, wissen wir nicht mehr. Die Dame, die das Pferd bemalte strahlte so eine unglaubliche Ruhe aus und erzählte viele interessante Geschichten von den unterschiedlichen Malerinnen, den Schnitzern, wie sie zum Bemalen der Dalapferde gekommen war und und und…

58 Grad Nord - Dalarhästar - Verkauf

Nachdem wir uns noch mit einem weiteren dalahäst für zuhause eingedeckt hatten, gingen wir auch noch zur Konkurrenz auf der Straßenseite gegenüber. Dort konnte man vor allem die ersten Schritte beobachten, bei denen mit Hilfe von großen Bandsägen aus großen Holzklötzen die grobe Pferdeformen ausgeschnitten wurden, die dann weiter von den Schnitzern bearbeitet werden. Aus einem kleinen Holzrest sägte einer der Mitarbeiter dort in weniger als eine Minute zwei kleine Holzschweine für die Kinder, die natürlich ganz begeistert waren. Das eine Schwein hatte anfänglich noch etwas Gleichgewichtsstörungen, was aber im Nu mit einem weiteren kleinen Schnitt beseitigt wurde. Man sah, dass der Mann an der Säge, das nicht zum ersten Mal gemacht hatte, so schnell wie es ging – und das, ohne sich die Finger abzusägen.

58 Grad Nord - Dalarhästar - Holzpferdereste

58 Grad Nord - Dalarhästar - 2. Wahl

2. Wahl-Pferde? Unser Sohn hätte am liebsten den ganzen Karton mit nachhause genommen!!!

Dort trafen wir auch einen älteren Mann, den wir locker über 70 schätzten, und der dort zeigte, wie die typischen Formen der Pferde geschnitzt werden. Er erklärte uns, dass er als junger Bursche mit dem Schnitzen begonnen hatte, um ein wenig Geld zu verdienen. Ob er dann beim Schnitzen als täglichen Broterwerb geblieben war oder es nur ein Zubrot war, konnten wir aufgrund des Lärmes der Sägen und dem unglaublich starken Dialekt des Mannes nicht wirklich verstehen. Wie auch immer, so machte er doch deutlich, dass es eine anstrengende und schlecht bezahlte Arbeit war und vermutlich noch ist. Es sah auch nicht aus, als wenn es ihm so richtig viel Spaß machen würde hier zu sitzen und zu schnitzen. Seine Hände sahen auch nicht mehr ganz gesund aus, ein Finger fehlte… – irgendwie machte er eine traurigen Eindruck auf uns. Vermutlich hätte er lieber zuhause in Ruhe gesessen und sich ausgeruht, als hier in diesem Lärm zu sitzen, zu arbeiten und von Touristen beobachtet und angesprochen zu werden.

Aber wie gesagt, wir verstanden ihn auch etwas schlecht, selbst die Kinder, die ja wirklich 100% schwedische Muttersprachler sind. Der hiesige Dialekt, dalmål genannt, ist aber auch echt der Hammer. Die etwas bereinigten Varianten sind für uns eigentlich kein Problem, aber wenn vor allem ältere Leute mal so richtig loslegen, wird es schwierig…

58 Grad Nord - Dalarhästar - Rosa Pferde

Rosa Dalapferde….

Die Kinder hätten noch Stunden hier verbringen können – sie wollten gar nicht mehr weg. Die wenige Tagesplanung, die wir mal gehabt hatten, war eh schon geplatzt. Aber wir waren ja auf Urlaub und hatten Zeit.

58 Grad Nord - Dalarhästar - Andre Lackiererei

Wer nach Dalarna kommt, sollte unbedingt in Nusnäs oder eine der anderen Dalapferdproktionsstätten vorbeischauen – es lohnt sich wirklich. Außerdem machen sich so ein kleines – oder großes – Pferd auch ganz nett auf dem heimischen Bücherregal.

18 Kommentare

  1. Hallo Hartmut,
    Schweden steht zwar auf meiner Löffelliste, es wird aber noch eine Weile dauern, bis ich dahin komme. Die Pferde werde ich mir auf jeden Fall schon mal merken! Danke dir für den ausführlichen Bericht!
    Liebe Grüße
    Steffi

  2. Lieber Hartmut,
    das sind ja echt spannende Eindrücke! Kinder lieben so etwas, und das ist gut so, denn so lernen die Eltern es auch kennen. Ist einfach toll, so ein Handwerk life zu erleben und die Fingerfertigkeit der Handwerker zu sehen. Schön, dass ihr euch soviel Zeit dafür genommen habt.
    Liebe Grüße
    Gela

  3. Hallo Hartmut.
    Schöner Bericht über diese schwedische Tradition. Ich arbeite ja bei einem schwedischen Möbelhändler – dort hatten wir letztes Jahr auch eine Aktion, wo die Kinder Pferde bemalt haben. Die sahen zwar nicht so professionell wie diese aus – dafür aber ordentlich bunt.

    Viele Grüße Daniel

    • Im Ernst, Daniel, du arbeitest bei einem schwedischen Möbelhändler, aber nicht DEM schwedischen Möbelhändler, oder? Klingt ja spannend! Wo das denn? Ich bin mir sicher, dass eure Pferde letztendlich viel schöner waren und vor allem eine ganz persönliche Note hatten, die man selbst bei den Pferden aus Dalarna nicht bekommen kann, obwohl sie nicht direkt in Massenproduktion hergestellt werden!
      LG aus dem Norden,
      Hartmut

  4. Hallo Hartmut,
    eine spannend bunte Geschichte. Gibt es denn auch die Möglichkeit dort einen Kreativ-Kurs zu besuchen und sich selbst eins der bunten Pferde zu gestalten? Oder ist es wirklich nur die professionelle Produktion vor Ort durch Fachpersonal?
    Denn gerade Kinder fänden das doch sicher toll.

    Liebe Grüße
    Katja aus dem WellSpaPortal

    • Hallo Katja,
      gute Idee, aber ich muss leider passen… ich habe keine Ahnung, ich glaube aber nicht. Eine kurze Google-Suche hat jedenfalls nicht entsprechendes ergeben, außer einen Kurs in einem Hotel in der Nähe. Aber wäre vielleicht eine Marketingidee für die Firmen in Nusnäs!! Werde ich bei unserem nächsten Besuch mal vorschlagen!
      LG
      Hartmut

  5. Ich bin ein großer Fan von Handarbeit und traditionellem Kunsthandwerk. Besonders interessant finde ich auch, wenn man sich die Produktion anschauen kann. Da lernen auch Erwachsene immer was dazu und man schätzt die Dinge einfach mehr, wenn man weiß, was für eine Arbeit dahinter steckt.
    Liebe Grüße
    Sabine

    • Ich sehe das ganz genau so, Sabine. Wir hatten schon vor unserem Besuch ein paar Exemplare dieser typisch schwedischen Kunstgegenständen zuhause… nach unserem Besuch waren es dann gleich noch ein paar mehr!!
      Lg
      Hartmut

  6. Hallo Hartmut,
    ich habe das Blau der Pferde gesehen und habe sofort an Ikea gedacht – interessant, dass in Dalarna tatsächlich auch für so große Konzerne gefertigt wird. Stelle mir den Besuch spannend vor, das ist noch echte Handarbeit. Und die Pferdchen sind auch wirklich dekorativ. Danke für den Tipp!
    Liebe Grüße
    Katharina

  7. Barbara (Barbaras Spielwiese)

    Hallo Hartmut,

    als ich noch für die schwedische Firma gearbeitet habe, wunderte ich mich immer, dass von Mitte Juni bis Mitte August quasi das ganze Land still liegt und trotzdem etwas vorangeht. Ich glaube, meine Kollegen hatten alle zwei Monate Ferien. 🙂

    Über Sälen im Winter habe ich übrigens auch einen Beitrag auf dem Blog. Dalarna kenne ich auch im Sommer; ich finde es total schön dort und besitze natürlich auch Dalapferde, sogar als Backausstecherform. Ich hatte irgendwie gedacht, die sind inzwischen alle made in China – danke für die Aufklärung, dass sie wirklich noch in Schweden gefertigt werden.

    Das war bestimmt ein schön entspannter und interessanter Urlaubstag mit den Kindern. Toll. Danke fürs Berichten! In Schweden gibt’s so viele schöne Ecken.

    Liebe Grüße
    Barbara

    • Hallo Barbara,
      ja, die Industrieferien sind hier in Schweden immer noch aktuell, und zwischen Midsommar und Schulanfang Mitte August steht hier das Leben still… man muss eben die helle Zeit ausnutzen und außerdem haben alle Schweden ein gesetzliches Recht auf mindestens drei zusammenhängenden Wochen Ferien in dieser Zeit.

      Wir haben auch Ausstechformen… und eine Form für Eiswürfel!!! Da gibt es so einiges zu kaufen! Musste vor allem meinen Sohn ab und zu bremsen…

      Die Tage in Dalarna mit den Kids waren wahrlich erholsam. Ist einfach eine schöne Gegend. Wir waren dann Ende August gleich nochmal dort unterwegs.

      LG aus dem hohen Norden,
      Hartmut

  8. Wie schön! Ich habe deinen Artikel voller Begeisterung gelesen und werde die Pferdchen sowie eine Werkstattbesichtigung bei einer meiner kommenden Schweden-Reisen fest mt einplanen. Vor allem in unserer heutigen, turbulenten Zeit ist es beruhigend, wenn an manchen Fleckchen dieser Erde, noch alte Werte und Traditionen aufrecht erhalten werden und das Handwerk wertgeschätzt wird. Vor allem sind die Pferde auch ein schönes Mitbringsel und erinnern einen, auch noch weit nach der Reise, an die schönen Momente vor Ort.
    LG Sabine

    • Liebe Sabine,
      wie schön, dass dir der Artikel gefallen hat. Bei einer Schwedenreise sollte man sich die Herstellung der für die Region Dalarna typischen Holzpferchen wirklich nicht entgehen lassen. Und du hast recht, die Pferde machen sich gut als Dekoration zuhause und Andenken an die Reise. Viel Spaß weiterhin beim Reisen!
      LG
      Hartmut

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